Zurück zu Eigene Entwicklungen

Quick ’n Dirty

Wer mich kennt weiß, dass ich zuweilen verrückte Dinge mache. So erstelle ich hin und wieder einfach Simulationen, um preiswerte Perlen in der Welt der Lautsprecherchassis finden zu können. Im vorliegenden Fall war es einmal mehr ein Bassgitarren Lautsprecher des italienischen Herstellers Lavoce. Das Modell FBASS12-20 verriet bereits im Datenblatt, dass es gerade noch BR taugliche TSP mitbringt. Leider sind diese jedoch so ausgelegt, dass das notwendige Volumen sehr groß ausfallen müsste. Bei einem Vas von rund 75 Litern in Kombination mit einem Qts von 0,46 reicht ein kurzer Blick, um dies festzumachen. Das Chassis könnte bis unter 45 Hz spielen, jedoch wären dafür 135 Liter Luft im Rücken notwendig. Bei etwas weniger Tiefgang könnte man das Volumen zwar etwas reduzieren, aber ein unserer Albany sehr ähnlicher Lautsprecher sollte es nicht werden. Interessant wird der TSP Satz aber dann, wenn man das Chassis in ein geschlossenes Gehäuse schraubt. Unterstützt man den Tieftöner zusätzlich mit einem HPC, kann das Gehäusevolumen deutlich kleiner ausfallen, bei gleichzeitig verbesserter Performance im Bassbereich. Natürlich handelt es sich bei diesem preiswerten Kandidaten nicht um ein reinrassiges PA Chassis, welches unendliche Pegelorgien ermöglicht. Das versteht sich von selbst, und niemand würde das erwarten. Durch seinen hohen Kennschalldruck vermag das Chassis aber dennoch eine recht ordentliche Figur in einem Power Hifi Lautsprecher machen.

Lavoce FBASS12-20

 

Die Gehäusesimulation zeigt, dass der FBASS12-20 bereits in 50 Litern die 50 Hz Marke knackt. Mit 60 Litern im Rücken reicht die Performance bis etwa 45 Hz.

Lavoce FBASS12-15 in 50 vs. 55 vs. 60 Litern GHP

 

Ein sehr guter Kompromiss mit einer unteren Grenzfrequenz bei etwa 47 Hz stellt sich bei einem Volumen von +/-55 Litern ein. Das ergibt ein größeres Kompakt-Gehäuse, welches sich an den Klassikern der 80er Jahre orientiert. Diese Klassiker sind in den meisten Fällen als 3-Wege Lautsprecher mit Konus Mittel- und Kalotten Hochtöner ausgestattet. Leider ist ein solcher Aufbau recht kostspielig, denn selbst bei Verwendung preislich attraktiver Chassis erfordert der dritte Weg eine größere Anzahl an Bauteilen un der Frequenzweiche. Außerdem bringt der 3-Wege Aufbau in einer so gearteten Schallwand Probleme Beim Abstrahlverhalten mit sich.

Viel preiswerter und auch im Sinne besseren Abstrahlverhaltens lässt sich ein schöner 2-Wege Lautsprecher mit einem Horn für den Mittelhochton Bereich realisieren. Aus Versuchsreihen, die wir vor einiger Zeit mit unterschiedlichen Hörnern für unsere Albany durchgeführt haben, hatte ich noch ein Paar Sica Q07015A Hörner im Bestand. Diese hatten damals schon einen sehr guten Eindruck hinterlassen, wären aber nur mit einem Adapter an den in der Albany verwendeten RCF CD350 Treiber zu flanschen gewesen.

Sica Q07015A

 

Dieses Horn ist mit etwas Glück ab 10,- Euro zu bekommen, und ruft förmlich nach einem ebenso preiswerten Hochtontreiber. Auch dieser findet sich im Portfolio von Sica. Der CD83.26/380 ist der günstigste Hochtontreiber von Sica. Er unterscheidet sich vom etwas teureren Modell CD78.26/245 in durch eine höhere Belastbarkeit. Für den Einsatz in einem Power HiFi Lautsprecher ist das sicherlich eher zweitrangig, aber es schadet auch nicht.

 

Sica CD83.26/380

 

Es galt herauszufinden, ob sich mit diesen Zutaten, die bei geschicktem Einkauf für deutlich unter 100,- Euro erhältlich sind, ein Lautsprecher mit gutem akustischem Verhalten aufbauen lässt.

Nach der Fertigstellung der beiden Gehäuse wurden Die Chassis montiert und in unbeschaltetem Zustand gemessen. Die nachfolgenden Grafiken zeigen die jeweils unbeschaltete Messung im Vergleich mit der beschalteten Variante im Simulationstool VituixCAD.

Lavoce FBASS12-20 unbeschaltet vs. beschaltet

 

Mit einer preiswerten Beschaltungsvariante gelang es, den Kennschalldruck des FBASS12-20 auf rund 90dB abzusenken, ohne in utopisch große Bauteilewerte für einen entsprechenden Saugkreis investieren zu müssen. Dieser Schritt wurde gewählt, um die untere Grenzfrequenz ein wenig nach unten zu verschieben.

Sica CD83.26/380 am Horn Q07015A unbeschaltet vs. beschaltet

 

Der kleine Sica Treiber stellt an seinem Horn deutlich mehr Kennschalldruck zur Verfügung als sein Tiefton Kollege, so dass sein Pegel erheblich stärker reduziert werden muss.

In der Simulation zeigt sich ein sauberes Zusammenspiel beider Chassis, wobei ich ein kleines und unbedeutendes Phasenschweinchen knapp oberhalb der Trennfrequenz in Kauf genommen habe. Mit einer abweichenden Topologie der Frequenzweiche hätte das vermieden werden können. Jedoch ist der zusätzliche monetäre Aufwand für die weiteren Bauteile erstens nicht wünschenswert, und zweitens handelt es sich um eine kleine optische Geschichte, die nicht hörbar ist.

Quick ’n Dirty Simulation Achse + Einzelzweige

 

Unschwer zu erkennen ist die nach oben hin fallend gewählte Abstimmung. Es wäre ein Leichtes gewesen, eine schnurgerade Abstimmung zu erreichen. Klanglich ist sie bei der Quick ’n Dirty aber erheblich schlechter als die hier gezeigte.

Quick ’n Dirty horizontales Abstrahlverhalten 0° – 60°

 

Quick ’n Dirty 0° + Energiefrequenzgang + Bündelungsverhalten

 

Sowohl das horizontale Abstrahlverhalten, die Energieabgabe und auch das Bündelungsverhalten sind nicht zu beanstanden.

Natürlich stimmen die Messungen erwartungsgemäß sehr gut mit den Simulationen überein. Kleine Abweichungen rühren von einer kleinen Anpassung.

Quick ’n Dirty gefensterte Messung 0° + Zweige

 

Die Messung zeigt eine saubere Addition im Übernahmebereich. Übrig bleibt eine kleine, absolut unbedeutende Phasenschweinerei knapp oberhalb von 2kHz. Mit erheblich höherem Schaltungsaufwand hätte man diese umgehen können, was aber klanglich keinerlei Vorteile mitbringt.

Quick ’n Dirty gefensterte Messungen 0° – 60°

 

Das Abstrahlverhalten erlaubt ebenfalls keinen Anlass zu Kritik. Die Kombination des FBASS12-20 mit dem CD83.26-380 am Q07015A gelingt auch in dieser Disziplin hervorragend.

Quick ’n Dirty Impedanzverlauf + Phase

 

Der Impedanzverlauf der Quick ’n Dirty ist ebenfalls problemlos und bleibt auf der ganzen Linie oberhalb von 4 Ohm.

Für Freunde des gepflegten Klirrs habe ich auch Messungen von 85dB – 100dB angefertigt. Die Verzerrungen liegen auf einem niedrigen Niveau und steigen auch bei höherem Pegel nicht in störende Dimensionen. Für eine so preiswerte Kombination darf man das Klirrverhalten als sehr gut bezeichnen.

Quick ’n Dirty Klirr @ 85dB

 

Quick ’n Dirty Klirr @ 90dB

 

 

Quick ’n Dirty Klirr @ 100dB

 

Bei einem Preis für die Chassis von unter 100,- Euro pro Seite war es mir wichtig, auch die Kosten für die Beschaltung so niedrig wie möglich zu halten. Die bereits erwähnte trickreiche Beschaltung macht es möglich, auf sehr große und teure Spulenwerte zu verzichten.

Quick ’n Dirty Weichenschaltung fallende Abstimmung

 

Für die Bauteile habe ich einen Warenkorb im Quint-Store vorbereitet.

Warenkorb Quick 'n Dirty

Warenkorb Quick ’n Dirty (Preisstand 14.04.2026)

 

Die beiden großen Kondensatorwerte sind darin nicht enthalten. Diese Kondensatoren können durch Reihenschaltung je zweier unipolarer Elkos mit der jeweils doppelten Kapazität zu einem quasi bipolaren Elko zusammengeschaltet werden. Oft sind diese für wenige Cent erhältlich.  Einzig auf eine hinreichende Spannungsfestigkeit muss geachtet werden. Mit 100V ist man auf der sicheren Seite. Wer nicht ständigen Dauerbeschuss plant, kann auch zu 63V Typen greifen. Wer lieber bipolare Kondensatoren verwenden möchte, legt pro Lautsprecher jeweils einen mit den Werten 330µF und 470µF zusätzlich in seinen Warenkorb. Die leichten Abweichungen sind Makulatur und zeigen sich weder in der Simulation noch in der Messung.

Beispiel 1000µF Elko

Beispiel 680µF Elko

Die beiden Elkos werden jeweils an ihren Minuspolen in Reihe geschaltet. Die beiden offenen Pluspole bilden den quasi bipolaren Elko mit halbierter Kapazität.

Schaltungsbeispiel quasi bipolarer Elko

 

Wer lieber einen kleinen Schreihals sein eigen nennen mag, kann die Quick ’n Dirty auch mit linearem Frequenzgang aufbauen.

Quick ’n Dirty original fallende vs. lineare Abstimmung

 

Quick ’n Dirty fallende vs. lineare Abstimmung 0° + Energiefrequenzgang + Bündelungsverhalten

 

Die lineare Variante zeigt ab ca. 1 kHz eine ansteigende Energieabgabe im Vergleich mit der fallenden Abstimmung. Klanglich ist sie in keinem Fall empfehlenswert. Trotzdem daran interessierte können sich gerne an folgendem Szenario orientieren.

Quick ’n Dirty Weichenschaltung lineare Abstimmung (Schreihals)

 

Das Gehäuse birgt keine nennenswerten Besonderheiten. Es besteht aus 6 Brettern, einer separaten Behausung für das Horn, sowie einer zur Rückwand gerichteten Verstrebung. Zunächst war geplant, das Horn einzufräsen und auf ein abgetrenntes Gehäuse zu verzichten. Leider verlaufen die Seiten des Horns nicht exakt gerade, so dass eine sorgfältige und optisch schöne Einfräsung de facto nicht herstellbar ist. Zudem liegt es auch nicht plan auf. An Dichtigkeit des Gehäuses wäre also auch nicht zu denken gewesen. So fällt das gesamte Gehäuse etwas größer aus als ursprünglich geplant. Für den TT bleiben die weiter oben genannten ca. 54 Liter übrig.

Quick ’n Dirty Aufbau Gehäuse noch ohne die Strebe zur Rückwand

Quick ’n Dirty Bauplan (vergrößern -> rechte Maustaste-> Grafik in neuem Tab öffnen)

 

Bei der Bedämpfung der Gehäuse wurde der pragmatische Weg gewählt. Vor einiger Zeit hatte ich eine große Restekiste mit Basotect in diversen Stärken erworben, die darauf wartete endlich angebrochen zu werden. Die Bassabteile der Gehäuse wurden rundum mit 40mm Basotect ausgekleidet. Nur eine der beiden Seitenwände wurde freigelassen, da dort die Weiche ihren Platz findet. Die Dimensionen der Gehäuse lassen mit ihrer maximalen Ausdehnung von unter 50cm keine tieffrequenten stehenden Wellen zu, die besondere Eigenschaften an das Material stellen. Hier tun es auch Noppenschaumstoff, Fibsorb, oder ähnlich gelagerte Mattenware.

Die Weichen- und Baupläne sind für private Nutzung freigegeben. Jegliche Form der gewerblichen Nutzung oder Verbreitung ohne vorherige Absprache ist untersagt und wird strafrechtlich verfolgt. (The crossover and constrction plans are released for private use. Any form of commercial use or distribution without prior agreement will be prosecuted.)

Und wie klingt es? Der Lautsprecher klingt gar nicht „Quick ’n Dirty“ sondern eher sehr ausgewogen mit klarer Tendenz zu HiFi. Stimmen werden sehr gut und natürlich wiedergegeben. Es wird eine tolle Bühne aufgebaut. Der Bass reicht nicht bis in den tiefsten Keller, aber er ist knackig und trocken. Da dröhnt nichts. Die Abstimmung verzeiht auch wandnahe Aufstellung, welche aber für eine einwandfreie Funktion nicht erforderlich ist. Natürlich kann man auch die Kuh fliegen lassen, eben im Rahmen einer preiswerten Kombination. Bei der Quick ’n Dirty handelt es sich nicht um einen Beschallungslautsprecher für Dauerfeuer.

Und nun, Licht aus, Spot an…

 

 

2 Kommentare

    • Karsten Juhr auf 22. April 2026 bei 14:59

    Hallo Alex,
    ich finde deinen Bauvorschlag sehr interessant und habe im Internet nach einer preiswerten Bezugsquelle für die Chassis gesucht, dabei ist die Frage aufgetreten ob die verwendeten Chassis jeweils eine Impedanz von 8 Ohm haben?

    Gruß Karsten

    • admin auf 22. April 2026 bei 18:08
      Autor

    Hallo Karsten,

    toll, dass du dich für die Quick ’n Dirty interessierst. Alle verbauten Chassis sind 8 Ohm Typen. Am günstigsten kaufst die sie bei TLHP in Frankreich. Wichtig ist, dort einen Account zu erstellen und erst dann eine Bestellung aufzugeben. Nach heutigem Preisstand kosten die Chassis pro Box aktuell 92,65 Euro.

    Viele Grüße

    Alex

Schreibe einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.