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VIS à VIS – Kompakter 3-Weger

Es ist kein großes Geheimnis, dass Visaton nicht zu meinen favorisierten Herstellern von Lautsprecher Chassis zählt. Zu oft habe ich in der nahen und fernen Vergangenheit starke Abweichungen zu den TSP Angaben in den Datenblättern gemessen, und auch die Verpackungen vieler Chassis sind eher von moderater Qualität. Kürzlich jedoch hatte ich die Gelegenheit, ein Paar W200S/4 und W100S/8 für einen kleinen Betrag ergattern zu können. Ein Paar war neu, das andere nur zu Messzwecken benutzt. Der Zufall wollte es, dass ein bekannter Elektronikversender die noch recht junge Kalotte G25NDFW für knapp 30,- Euro anbot. Auch hier hatte der Finger keine Chance, dem unweigerlichen Drang nach dem Klick auf den Bestellbutton zu widerstehen.

Visaton W200S/4

 

Visaton W100S/8

 

Visaton G25NDFW

 

Zur WxxxS Serie, die seit gefühlten 100 Jahren produziert wird, muss man nicht viel sagen. Es handelt sich um eine recht einfach gehaltene Chassis Serie mit ordentlich gemachten Blechkörben, beschichteten Papiermembranen, einfachen Antrieben und ohne viel Schnickschnack. Leider kommen sie in einfachen, ungepolsterten und dünnen Pappschachteln, ohne darin vor möglichen Transportschäden gesichert zu sein. Der Hochtöner ist ebenfalls ordentlich. Seine fernöstliche Herkunft mit einer etwas lieblosen Verklebung zwischen Magnet und dem Kurzwaveguide kann und muss er nicht verleugnen. Das Teil ist haptisch in Ordnung, erst recht für den schmalen Taler.

Nach Erhalt der Chassis wurden  zunächst TSP Messungen angefertigt. Der erste W200S/4 ließ ein wenig Hoffnung in mir aufkeimen, dass ich Exemplare erhalten hatte, deren Werte sich recht nah an denen im Datenblatt bewegen. Der zweite zerschoss diesen frommen Wunsch gnadenlos.

Visaton W200S/4 eigene TSP Messung

 

Die TSP Sätze der beiden Chassis weichen sehr stark voneinander ab, und auf den ersten Blick kommt die Vermutung auf, dass sich mit diesen beiden Kandidaten keine sinnvolle Entwicklung erarbeiten lässt. Wie wir aber wissen, sind unterschiedliche TSP Sätze bei identischen Chassis konsistent, sofern keine fehlerhafte Produktion vorliegt. Und wir wissen auch, dass konsistente TSP Sätze zu einer mehr oder weniger identischen Abstimmung führen. Unterschiede liegen zumeist im akzeptablen Toleranzbereich. Eine daraufhin erstellte Simulation mit 20 Litern GHP Volumen bestätigt das glücklicherweise auch für die beiden vorliegenden Visatöner.

Visaton W200S/4 Simulation Chassis 1 + 2 vs. Datenblatt TSP

 

Die beiden Chassis unterschieden sich unterhalb von 100 Hz ein wenig im Pegel und bei der unteren Grenzfrequenz. In der Praxis wird man das nicht merken, da in diesem Frequenzbereich keine Ortbarkeit vorliegt und sich somit eine bruchlose Addition der Schallanteile einstellt.

Auch der TSP Satz der beiden W100S/8 weicht deutlich von den Angaben im Datenblatt ab, jedoch liegen die beiden Chassis dichter beieinander.

Visaton W100S/8 eigene TSP Messung

 

Eine sinnvolle Nutzung als TMT ist wegen des hohen Qts Wertes nicht zu empfehlen. Da die Chassis in der VIS à VIS lediglich als Mitteltöner eingesetzt werden, spielen die TSP eine eher untergeordnete Rolle.

Vor meinem geistigen Auge sah ich einen kompakten 3-Wege Lautsprecher, dessen Größe die Montage der Chassis auf seiner Schallwand so eben noch gestattet. Rechnet man dem 20 Liter GHP Volumen noch ein wenig Platz für eine Versteifung und ein kleines Gehäuse für den MT zu, ergibt das Außenmaße von 48 x 27 x  30 Zentimetern.

Die nächste Frage, die es zu klären galt, war die nach den Chassispositionen. Von vornherein stand fest, dass der Tieftöner unten auf der Schallwand positioniert wird. Bei den beiden Mitspielern ist es erfahrungsgemäß besser, den Hochtöner zwischen den anderen Chassis, also unterhalb des Mitteltöners anzubringen. Durch Kantendiffraktion bildet sich eine Störung im Bereich um 2 kHz bei dem in der Mitte sitzenden Chassis. Wäre dies der Mitteltöner, fiele diese Störung genau in seinen Arbeitsbereich. Der Hochtöner hätte an der oberen Positon jedoch beste Arbeitsbedingungen. Tauscht man nun die Anordnung so, dass der Mitteltöner oben sitzt, übernimmt er die Pole Position. Nun bekommt der Hochtöner die volle Breitseite der Störung mit. Trennt man dabei oberhalb der Störung, oder bezieht die entstehende Senke bereits in die Modellierung der abfallenden Flanke ein, ergibt sich ein insgesamt besserer Frequenzgang, wenngleich der Hochtöner insgesamt etwas welliger aufspielt. Dies lässt sich in Boxsim mit den unbeschalteten Chassis einwandfrei nachvollziehen.

Visaton W100S/8 mittig (gestrichelte Kurve) vs. oben (durchgezogene Kurve)

 

Visaton G25NDFW oben (gestrichelte Kurve) vs. mittig (durchgezogene Kurve)

 

Die Grafiken zeigen, dass der Mitteltöner in der mittleren Einbauposition keine Senke bei 2 kHz mitbringt, und auch der Anstieg davor verläuft sanfter. Der Hochtöner geht dafür früher in den Sinkflug, so dass letztlich eine Trennfrequenz im Bereich zwischen 2 – 2,5 kHz sinnvoll erscheint. Um die Sinnhaftigkeit des Aufbaus wenigstens ein wenig beleuchten zu können, habe ich vorab eine Simulation mit Boxsim angstellt. Diese Simulationen mit den in der Software hinterlegten Messdaten der einzelnen Chassis stimmt i. a. R. nicht sonderlich gut mit der späteren Realität überein. Schaden kann ein solcher Testballon aber auch nicht.

VIS à VIS Vorabsimulation mit Boxsim und den darin hinterlegten Messdateien

 

Voller Tatendrang und mit viel Elan verbrachte ich den Zuschnitt, der für beide Lautsprecher rund 30,- Euro kostete, in meine Werkstatt und begann mit dem Bau der Gehäuse. Diese bestehen aus acht Brettern, von denen sechs das Gehäuse und zwei das Abteil für den Mitteltöner bilden. Zusätzliche kleine Kreuzversteifungen fertigte ich aus Abschnitten selbst an. Baumärkte sägen i. a. R. keine Stücke unter 10 x 10cm zu.

VIS à VIS Gehäusebau – Blick auf MT-Abteil und Kreuzversteifung

 

Die Dämpfung und die Verkabelung des Mitteltongehäuses habe ich bereits in der Aufbauphase des Gehäuses eingebracht, um spätere Fummelei zu vermeiden. Alle Wände würden mit Fibsorb50 ausgekleidet. Zusätzlich wurde oberhalb der Kreuzversteifung hinter dem MT-Abteil Polyesterwatte eingebracht.

VIS à VIS Gehäusedampfung mit Fibsorb50

 

VIS à VIS zusätzliche Dämpfung mit Polyesterwatte

 

Leider messen sich die Chassis in der Praxis etwas anders, als die Dateien in Boxsim es suggerieren. Grundsätzlich sind TT und HT recht nah an der Realität, aber das Verhalten des W100S weicht etwas stärker vom simulierten Verhalten ab. Ich führe das in erster Linie darauf zurück, dass Boxsim recht stark glättet. In der aktuellen Version lässt Boxsim in der Einstellung „fein“ „250 Punkte“ zu. In den älteren Software Versionen konnte man diesen Wert händisch auf bis zu 599 Punkte ändern, was zu einer erhöhten Auflösung des Frequenzverlaufs führte. Warum diese Möglichkeit in der aktuellen Version nicht mehr zur Verfügung steht, ist mir ein Rätsel. Jedenfalls führt das Smoothing dazu, dass beim W100S der Einbruch bei etwa 2kHz in der Boxsim Simulation verschmiert wird und weniger tief dargestellt wird. Auch die Resonanzspitzen oberhalb von 6kHz und bei etwa 15kHz sind in Boxsim deutlich weniger ausgeprägt, was aber für die VIS à VIS keine Rolle spielt.

Visaton W100S Simu mit Boxsim in VIS à VIS Schallwand

 

Visaton W100S Messung in VIS à VIS Gehäuse

 

Wie man deutlich sieht, ist Boxsim bis zum Effekt des Baffle Step und dem für den W100S typischen Buckel recht nah an der Realität. Der Bereich zwischen etwa 1,8kHz und etwa 2,8kHz zeigt aber weniger Pegel und einen nicht so linearen Verlauf. Das wirkt sich natürlich auf die Beschaltung aus. Mit großem Bauteileaufwand ließe sich ein recht glatter Frequenzgang auf Achse einrichten, jedoch würde das Winkelverhalten sehr unvorteilhaft. Es bilden sich die typischen Aufweitungen, die für einen nasalen und schreienden Klang sorgen. Probehalber gesteckt, wurde diese Variante schnell wieder verworfen. Zudem sollten sich die Kosten für die Weichenteile bei den preiswerten Chassis ebenfalls in einem sinnvollen Rahmen bewegen. Das führte zu einer Beschaltung, die auf Achse einen kleinen Einbruch an besagter Stelle mitbringt, aber zu einem insgesamt ordentlichen Energieverhalten führt.

VIS à VIS finale Simulation mit angefügtem Nahfeld @ HPC 800µF

 

Die finalen Messungen zeigen wie immer eine sehr gute  Übereinstimmung mit der Simulation.

VIS à VIS gefensterte Messung 0° – 90°

 

VIS `a VIS gefensterte Messung 0° + Einzelzweige

 

Die Klirrwerte liegen im Bereich der Trennfrequenz zwischen MT und HT minimal höher. Insgesamt ist das Ergebnis aber sehr ordentlich.

VIS à VIS Klirr @ 85dB

 

VIS à VIS Klirr @ 90dB

 

VIS à VIS Weichenplan

 

VIS à VIS Warenkorb

Warenkorb für die Weichenteile der VIS á VIS im Quint Store (Preisstand 18.12.2025)

 

Der Warenkorb beeinhaltet keinen HPC, da es, wie beschrieben, verschiedene Optionen gibt, einen solchen einzusetzen. Als 5,6µF Kondensator für den Hochtöner ist im Warenkorb ein Cross Cap vorgesehen. Ich hätte keinerlei Kopfschmerzen damit, ihn durch einen günstigen Elko zu ersetzen.

Die Beschaltung ist recht einfach gehalten und besteht aus preiswerten Bauteilen. Der Tiefpass besteht aus einem Filter 2. Ordnung und einer Impedanzlinearisierung. Dem Parallelkondensator ist eine kleine Spule nachgeschaltet, die eine Resonanz in der zur Trennfrequenz hin fallenden Flanke wirksam eliminiert.  Der Bandpass für den Mitteltöner wird ebenfalls als ein Filter 2. Ordnung ausgeführt, dessen Tiefpass Spule mit einem kleinen Kondensator gebrückt wird. Dieser Kondensator unterdrückt ebenfalls eine Resonanz in der Flanke zum Hochtöner. Dieser Kniff führt aber im Zusammenspiel mit dem 5,6µF Parallelkondensator zu einem Impedanzabfall zu höheren Frequenzen. Damit die Impedanzkurve nicht unzulässig tief abfällt, ist dem kleinen Kondensator ein 3,9 Ohm Widerstand nachgeschaltet, der verhindert, dass der Impedanzverlauf eben diesen Wert unterschreitet. Ein zusätzlicher Sperrkreis begradigt den Frequenzgang im unteren Übertragungsbereich des Mitteltöners. Der Hochtöner gibt sich ebenfalls mit einem Filter 2. Ordnung zufrieden. Ein zusätzlicher Spannungsteiler senkt den Pegel auf das passende Niveau.

Natürlich habe ich für die Bauteile einen Warenkorb beim Quint Store zusammengestellt. Hier gilt es unbedingt die angegebenen Spulen zu verwenden. Im Tieftonbereich ist eine Luftspule mit 0,7mm Draht und 1,25 Ohm vorgesehen. Dieser „Trick“ sorgt dafür, dass im Tiefpass auf einen Saugkreis verzichtet werden kann. Vermeintlich „bessere“ niederohmigere Spulen führen zu einem zu lauten Oberbass, wie folgede Grafik zeigt:

VIS à VIS Vergleich Tiefpass Spule 1,25 Ohm vs. 0,4 Ohm

 

Etwaige Bedenken hinsichtlich der Belastbarkeit der 0,7mm Spule im Tiefpass sind unbegründet. Benjamin Jobst stellt auf seiner Website einen Spulen Rechner zur Verfügung, der für die vorgesehene Spule mit 0,7mm Drahtstärke eine Belastbarkeit von über 150 Watt bestätigt.

VIS à VIS Berechnung der Belastbarkeitsgrenze der Spule im Tiefpass

 

Der Reihenwiderstand im Hochtonzweig wurde, entgegen der ersten Simulation, um einen Normwert erhöht. In der folgenden Grafik sind neben dem im Weichenplan vorgegebenen Wert von 3,3 Ohm zusätzlich noch die jeweils benachbarten höheren und niedrigeren Werte 2,7 Ohm, sowie 3,9 Ohm zur Anwendung gekommen. Diese Varianten bieten eine einfache Möglichkeit, die Intensität der Hochtonwidergabe an den persönlichen Geschmack anzugleichen.

VIS à VIS Serienwiderstand Hochton 2,7 Ohm (blau) vs. 3,3 Ohm (rot) vs. 3,9 Ohm (grün)

 

 

In meinem Aufbau habe ich dem Tieftöner einen HPC vorgeschaltet, welcher dafür sorgt, dass der Bass tiefer reicht, jedoch flacher abfällt. Elkos mit 800µF, welche ich im Bestand hatte, führen zu einem Verhalten, wie es die Simulation aus dem etwas weiter oben veröffentlichten Six-Pack zeigt. Es stellt sich eine flach abfallende Flanke mit einer unteren Grenzfrequenz im Bereich 40 Hz ein. Hier ist zu beachten, dass die Darstellung Freifeldbedingungen entspricht. Der Roomgain von bis zu 6dB ist nicht berücksichtigt.  Mit dem Wert des Kondensators darf gerne experimentiert werden. Bei Werten wischen 680µF und 1200µF stellt sich eine sehr gute Performance ein. Freunde eines weniger tiefen, dafür aber (zu) starken Bassbereichs bietet sich die Möglichkeit an, auf den HPC ganz zu verzichten.

VIS à VIS Vergleich diverser HPC Werte

 

Leider sind Elkos mit größeren Werten inzwischen eine recht kostspielige Angelegenheit. Abhilfe kann ein quasi-bipolarer Kondensator bieten, der aus zwei unipolaren Elkos mit hinreichender Spannungsfestigkeit gebildet werden kann. Solche sind häufig bei den üblichen Versendern als Centware erhältlich. Diese preiswerten Elkos werden an ihren Minuspolen in Reihe geschaltet. Die beiden Pluspole bilden den quasi-bipolaren Elko. Es werden Elkos mit der doppelten Kapazität benötigt, da der Wert sich durch die Reihenschaltung halbiert. In unserem Fall sind Elkos mit 1500µF, 1800µF oder 2200µF perfekt geeignet. Eine Spannungsfestigkeit von 100V ist als untere Grenze sinnvoll. Das Beispielfoto zeigt den Aufbau:

Quasi-bipolarer Elko Beispiel

 

Der Gehäuseaufbau sollte keine Schwierigkeiten mit sich bringen. Acht Bretter bilden das Gehäuse mit separatem Abteil für den Mitteltöner. Eine zusätzliche Kreuzstrebe sorgt für noch mehr Stabilität.

VIS à VIS Bau- und Bedämpfungsplan (vergrößern -> rechte Maustaste -> Grafik in neuem Tab darstellen)

 

Die Weichen- und Baupläne sind für private Nutzung freigegeben. Jegliche Form der gewerblichen Nutzung oder Verbreitung ohne vorherige Absprache ist untersagt und wird strafrechtlich verfolgt. (The crossover and construction plans are released for private use. Any form of commercial use or distribution without prior agreement is prohibited and will be prosecuted.)

VIS à VIS klingt sehr neutral mit einem soliden und tiefen Bassfundament. Stimmen werden sehr natürlich wiedergegeben, so wie man es von einem sauber abgestimmten Lautsprecher erwartet. Auch die räumliche Abbildung und die Bühnenstaffelung bieten keinen Anlass zur Kritik. VIS à VIS spielt einfach Musik, und das macht sie sehr gut. Natürlich ist VIS à VIS kein Lautsprecher für Brachialpegel. Das sollte man aber von einem Kompaktlautsprecher auch nicht erwarten. Ein Kind von Traurigkeit ist sie aber definitiv auch nicht.