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Conetto – 2 Wege TQWT mit Konus Chassis

Erinnern Sie sich an Phil Connors? Genau, das war der sympathische Wettermann, der 1993 im winterlichen Punxsutawney in eine Zeitschleife geriet und den selben Tag immer und immer wieder erlebte.  Etwas ähnliches erlebe ich, wenn ich TSP Messungen beim Visaton W130S vornehme. Diese weichen bei meinen Messungen von den Angaben im Datenblatt immer ab und zwar so, dass die Abweichung immer sehr ähnlich ist. Inzwischen habe ich 3 Paare gemessen und auch eine italienische Publikation zeigt zu meinen Messergebnissen quasi identische Werte. Das geschieht natürlich konsistent, und es bedeutet nicht, dass das Chassis deswegen schlechter ist. Es ist lediglich nicht so sehr für eine BR Anwendung geeignet. Vielmehr ist es in einer TML oder TQWT sehr viel besser aufgehoben. Ich habe mich für eine TQWT mit all ihren Vorteilen gegenüber einer TML entschieden.

Visaton W130S/8

 

Meine Messungen führten zu folgendem TSP Satz:

Visaton W130S/8 TSP Messung

 

Visaton W130S/8 TSP Mittelwert

 

Mit den obigen Mittelwert TSP wurde die Simulation der TQWT durchgeführt. Bei Chassis mit einem Qts >0,5 haben frühere Experimente gezeigt, dass eine Positionierung des Töners hinter der Faltung zu einem besseren Verhalten führt. Auch im Fall des W130S ist das zutreffend. In einer nur 105 cm langen TQWT liefert der W130S/8 kräftigen Bass bis unter 45 Hz.

Visaton W130S/8 in 105 cm TQWT

 

Aus einem nicht zu Ende geführten Projekt hatte ich noch ein Paar Visaton TW70 Konushochtöner, welches seit Jahren darauf wartete, endlich eingesetzt werden zu dürfen.

Visaton TW70

 

Zwei Konen in einer sich erweiternden Line machten die Namensfindung für den preiswerten Lautsprecher leicht. Die Conetto war geboren.

Für eine erste Simulation bediente ich mich der Messungen, die Diego von dibirama auf seiner bereits weiter oben genannten Homepage zum Download bereit stellt. Diego nimmt seine Messungen auf einer Normschallwand vor, so dass sie für eine überschlägige Simulation durchaus brauchbar sind. Nachdem ich für beide Chassis mit dem Diffraction Tool von VituixCad „Winkelfrequenzgänge“ für das vorgesehene Gehäuse erstellt hatte, konnte die Simulation durchgeführt weden. Diese zeigte, dass die Kombination der beiden Chassis zwar auch ohne Schallführung zu einem brauchbaren Abstrahlverhalten führt. Die dafür notwendige Trennfrequenz von etwa 1,5 kHz wollte ich dem TW70 jedoch nicht zumuten. Zudem zeigt Diegos Messung, dass das Klirrverhalten des Hochtöners unterhalb von 2 kHz recht stark ansteigt. Also musste eine irgendwie geartete Schallführung her. Nun könnte man auf die kühne Idee kommen, einen Visaton WG148 so zu kürzen, dass sein Hals dem Druchmesser des Konus entspricht. Leider bleibt dann eine nur noch sehr flache Krümmung übrig, die man auch gleich weg lassen kann. So entsann ich mich meiner Impudence, die ich als ULB Projekt vor einiger Zeit aufgebaut habe. Dort habe ich die Hochtonkalotte rückseitig auf die Schallwand geschraubt, die zuvor eine Bohrung im Durchmesser der Kalotte erhielt. Diese Bohrung wurde mittels eines großen 45° Fasenfräsers (meiner hat einen Durchmesser von 45 mm) aufgeweitet und zur Schallwand hin mit Schleifpapier händisch etwas verrundet.

Dazu wurde zunächst die Schallwand im Bereich der Fräsung für den Hochtöner rückseitig mit einem kleinen aufgeschraubten Restbrettchen aufgedoppelt. So erhält man für die spätere Aufweitung der Fräsung mit dem 45° Fasenfräser genug „Fleisch“ für den Anlaufring des Fräsers. Hat man die Aufweitung vorgenommen, kann das Brettchen einfach wieder abgeschraubt werden. Nun muss nur noch die harte Kante der Fräsung einfach nach Gefühl ein wenig verrundet werden. Fertig ist der Waveguide.

Waveguide für TW70

 

Im nächsten Arbeitsschritt wird ein weiteres kleines Brettchen gefräst, welches so eben den Korbflansch umschließt. Mit dieser Vorrichtung wird der TW70 nach korrekter Ausrichtung rückseitig auf die Schallwand geschraubt. Dabei hat sich als hilfreich erwiesen, die Kontur des Hochtöners nach dessen Ausrichtung mit einem Bleistift nachzuzeichnen. Den Hochtöner direkt mit der Schallwand zu verschrauben empfehle ich nicht. Durch die recht nah am inneren Korbrand positionierten Befestigungslöcher des TW70 ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, nach der Montage auf 4 hübsche Schrauben im Verlauf des WG zu blicken.

Klemmvorrichtung TW70

 

Klemmvorrichtung TW70 fertig montiert

 

Der weitere Aufbau des TQWT Gehäuses birgt keine  Besonderheiten, bis auf die Tatsache, dass der W130S hinter der Faltung eingebaut werden muss, um die bestmögliche Performance abzuliefern. Die bedeutet, dass das Chassis und der Port sich auf der gleichen Seite befinden würden. Bei einem 2-Weger mit relativ hoher Trennfrequenz bedeutet das, dass „Portmüll“ die Wiedergabe beeinträchtigen könnte. Aus diesem Grund wurde der Port kurzerhand auf die Seite verfrachtet.

Conetto TQWT

 

Im Falle des obigen Gehäuses wurde die Rückwand aufgesetzt verleimt. Man könnte das Gehäuse auch mit einspringender Rückwand aufbauen. So könnte der Bereich hinter dem Hochtöner für eventuelle Servicearbeiten offen bleiben. Dazu werde ich vor dem Finish eine Öffnung sägen und diese mit einem Bündigfräser bearbeiten. Diese Optionen erlauben auch eine Montage des TW70 nach dem Finishing des kompletten Gehäuses.

Natürlich wollte ich es vermeiden, ein Finish vorzunehmen, ohne zu wissen, ob die Konzeptidee zur Conetto aufgeht. Um die dafür notwendigen Messungen einzufangen, wurde die Schallwand mit Gaffer Tape stramm auf dem Korpus befestigt und abgedichtet.

Conetto Gehäuse für Messungen

 

Kurze Zeit später waren die Messungen im Kasten und in Vituixcad importiert. Recht schnell konnte im Anschluss eine sehr einfache Schaltung in Form einer zuverlässigen Simulation gefunden werden.

Conetto Simulation 0° + Einzelzweige

 

Conetto Simulation 0° – 90°

 

Das kann sich sehen lassen! Die Simulation zeigt ein sehr gleichmäßiges Abstrahlverhalten. Das ist wünschenswert und wichtig für eine stressfreie Wiedergabe mit Langzeittauglichkeit. Wie wir aus vielen vorherigen Simulationen gelernt haben, zeigen die realen Messungen ein fast deckungsgleiches Verhalten.

Conetto gefensterte Messungen 0° – 90°

 

Die Weiche weist keine Besonderheiten auf. Beide Chassis werden mit einem Filter 3. Ordnung beschaltet. Ein preiswerter Saugkreis sorgt beim Tiefmitteltöner für einen sorgenfreien Verlauf und eine dem Parallelkondensator nachgeschaltete kleine Spule eliminiert eine Resonanz in der abfallenden Flanke. Im Hochtonzweig verhilft ein Spannungsteiler dem doch recht pegelstarken TW70 zum harmonischen Zusammenspiel mit dem W130S.

Conetto Weichenschaltung

Für die Conetto habe ich natürlich auch einen Warenkorb im Quint Store mit Preisstand vom 17.02.2022 vorbereitet. Er entspricht der Basisversion mit dem 8,2 Ohm Parallelwiderstand. Alternativ kann für etwas mehr Hochtonenergie ein 10 Ohm Widerstand verbaut werden. Wer es schaltbar machen möchte, legt einfach je einen Widerstand mit 10 Ohm und 47 Ohm in den Korb.

Warenkorb PDF

 

Alle Spulen habe ich im Warenkorb als preiswerte I-Kern Spulen mit 0,7mm Draht aus dem Jantzen Sortiment vorgesehen. Dem TMT liegen somit lediglich 0,62 Ohm im Signalweg. Bevor die Spulen in Sättigung gehen, streckt eher der W130S die Segel. Hier sollte man die Kirche im Dorf lassen. Lediglich die 0,03mH Spule ist als Luftspule ausgeführt.

Conetto klingt in dieser Basisabstimmung unauffällig und absolut langzeittauglich. Stimmen, auch die kritischen, klingen sehr natürlich. Nichts zischelt, nichts ist verwaschen. Der preiswerte TW70 macht seine Arbeit sehr gut. Mangelnde Auflösung kann man ihm nicht nachsagen. Für Personen, die in einem stärker bedämpften Raum hören, oder einfach eine etwas frischere Wiedergabe bevorzugen, bietet Conetto eine Anpassungsmöglichkeit auf einfachste Weise. Durch schlichte Änderung der Widerstandswerte des Spannungsteilers, lässt sich der Mittelhochtonbereich leicht ändern. Ändert man den Wert des Parallelwiderstandes von 8,2 Ohm auf 10 Ohm, wird der obere Hochtonbereich etwas angehoben.

Conetto Hochtonbereich bei Änderung des Parallelwiderstands

 

Wählt man hingegen beim Reihenwiderstand statt 15 Ohm einen 12 Ohm Resistor, wirkt sich der Zugewinn an Pegel auch im Bereich der Trennfrequenz etwas stärker aus.

Conetto Hochtonbereich bei Änderung des Reihenwiderstands

 

Die sind nur zwei Beispiele. Selbstverständlich kann man auch eigene Experimente mit weiteren Werten, bzw. der Kombination beider Änderungen anstellen.

Conetto Weiche

 

Die Weichen meiner Conetto habe ich mit Bauteilen aus dem Vorrat aufgebaut, die natürlich anders aussehen. Die Widerstandswerte der Spulen sind jedenfalls sehr nah an der Empfehlung aus dem Warenkorb. Anstelle des 8,2 Ohm Parallelwiderstands im Spannungsteiler des Hochtonzweiges habe ich an dieser Stelle zwei Widerstände verbaut. Dies sind ein 10 Ohm Widerstand, der zu dem etwas frischeren Hochton führt. Der Wert des zweiten Widerstands beträgt 47 Ohm. Parallel geschaltet führt das ziemlich genau zu den 8,2 Ohm für den etwas zahmeren Hochtonbereich. Dazu müssen die beiden offenen Enden einfach mittels einer Lüsterklemme, eines Wago Clips, eines Lötpunktes, oder eines kleines Schalters miteinander verbunden werden.

Conetto Bau- und Bedämpfungsplan (vergrößern –> rechte Maustaste –> Grafik in neuem Tab anzeigen)

 

Der Bauplan zeigt, wie etwas weiter oben bereits erwähnt, zwei Möglichkeiten des Aufbaus. Bei der mittleren Seitenansicht endet die einspringende Rückwand oberhalb der eigentlichen TQWT. Darüber bleibt sie offen, was einen Tausch des Hochtöners bei Defekt, oder eine (sehr fummellige) Montage nach dem Finishing des Gehäuses ermöglicht. Die rechte Seitenansicht zeigt den Aufbau mit aufgesetzter Rückwand. Wird diese Variante aufgebaut, ist der Hochtöner nach dem Verleimen der Rückwand nicht mehr erreichbar. Es empfihlt sich bei dieser Ausführung auch, wenigstens das Finish der Schallwand vor der endgültigen Montage zu erledigen.

 

Conetto Bedämpfung

 

Wie immer ist auch dieser Bauplan nicht maßstabsgetreu. Ich empfehle unbedingt, vor der Fräsung der eigentlichen Öffnung für den Hochtöner den Innendurchmesser des Papprings nachzumessen und den im Bauplan angegebenen Fräsdurchmesser entsprechend zu korrigieren. Einen Port, der ohne weitere Bearbeitung genutzt werden kann, bietet Pollin Electronic für ein paar Cent an. Oftmals gibt es dort auch die Chassis.

Die Weichen- und Baupläne sind für private Nutzung freigegeben. Jegliche Form der gewerblichen Nutzung oder Verbreitung ohne vorherige Absprache ist untersagt und wird strafrechtlich verfolgt.

4 Kommentare

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    • Ralf auf 7. Februar 2022 bei 16:43

    Kniefall, unglaublich wie diese beiden Chassis verschmolzen wurden.
    Steilvorlage für ein 5-6 Liter GHP, für ein 2.1 System

    • admin auf 7. Februar 2022 bei 19:36
      Autor

    Hallo Ralf,

    vielen Dank für den Zuspruch. Bedenke bitte, dass bei einer GHP Anwendung deutlich weniger Pegel im Bassbereich zu erwarten ist. Die Weiche kann dann nicht übernommen werden. Sie muss angepasst werden.

    Viele Grüße

    Alex

    • Frank Peters auf 11. Februar 2022 bei 12:25

    Hallo Alex,

    Beim Stöbern auf Deinen Seiten bin ich auf dieses – wieder einmal – sehr interessante (sehr preisgünstige) Projekt gestossen. Da ich bislang noch keine TQWT auf der Werkbank zu liegen hatte, wird wohl auch auch diese Konstruktion von mir nach gebaut werden – vor allem auch deshalb, weil sie tatsächlich zum Experimentieren einlädt. Grossartig finde ich, dass Du in den letzten Bauvorschlägen immer auch eine optionale Abstimmungsvariante aufgenommen hast – die mich beispielsweise bei den Alberichs umgehauen hat… vielen Dank dafür! Ich bin schon sehr gespannt auf die Kaimana 🙂

    Viele Grüße

    • admin auf 11. Februar 2022 bei 12:42
      Autor

    Hallo Frank,

    derzeit bin ich dabei, den Conettos ein Finish aus vorhandenem Material zu verpassen. Das wird nicht perfekt, aber wohnzimmertauglich und zudem dem finanziellen Aufwand für die preiswerten Lautsprecher gerecht.

    Der Bauplan kommt in Kürze. Zuerst möchte ich die „Werkstatt“ hinter mich bringen.

    Viele Grüße,

    Alex

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