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Alta Voce

Manche Dinge entstehen durch reinen Zufall. So suchte ich vor einiger Zeit einen Tieftöner, der in der Wavecone MK2 das Restposten Modell aus der ursprünglichen MK1 Version ersetzen sollte. Fündig wurde ich beim italienischen PA Spezialisten Lavoce, in dessen Portfolio ein interessantes Bassgitarren Chassis gelistet ist. Der FBASS08-18 bringt nicht nur praxisgerechte TSP mit. Er ist zudem auch angenehm preiswert.

Fast gleichzeitig erreichte mich die Zuschrift eines italienischen Röhren Fans, der an seinem kleinen 6 Watt Single Ended Amp ein Paar Standlautsprecher mit je zwei kupferfarbenen Membranen und einem Hochtonhorn eines bekannten Herstellers betreibt. Dieser verspricht für die Lautsprecher einen Kennschalldruck von 98dB, welchen der italienische Betreiber stark anzweifelt. Messungen in diversen Fachmagazinen bestätigen seine Vermutung und weisen rund 90dB als realen und durchaus hohen Kennschalldruck aus. „Man könnte doch den FBASS08-18 im Doppelpack… …und dazu ein preiswertes Horn“ hörte ich eine leise Stimme in meinem Kopf  sagen, und flupp, lagen noch zwei preiswerte HD1004 Hörner samt DF10.101L Treibern, ebenfalls aus dem Hause Lavoce, im Warenkorb.

Lavoce FBASS08-18 Frontansicht

 

Lavoce FBASS08-18 Rückansicht

 

Dass das Chassis eigentlich für den professionellen Einsatz vorgesehen ist, sieht man ihm durchaus an. So ist es mit einem der üblichen PA Gaskets ausgestattet, welches auch eine luftdichte rückseitige Montage erlaubt. Die Pappmembran ist unbeschichtet. Die Schwingeinheit wird von einer inversen Duscap vor dem Eindringen von Schmutz geschützt. Das alles sitzt in einem stabilen Blechkorb. Ein fetter Magnet sorgt für einen ordentlichen Antrieb, der über eine großzügige Polkernbohrung hinreichend gekühlt wird. Alles ist gut verarbeitet und wirkt solide. Summa summarum ein Top Chassis für den aufgerufenen Preis.

Eine überschlägige TSP Messung bestätigte die Angaben aus dem Datenblatt mit nur sehr kleinen Abweichungen. Alles ist konsistent, und so wurde mittels AJHorn ein passendes Gehäuse für den Betrieb in Doppelbestückung simuliert. Dabei erwies sich ein Volumen von 57-58 Litern mit F3 von ca. 47 Hz als ideal.

2 x Lavoce FBASS08-18 in 57 Litern BR @ 2,83V

 

Die kleine Treiber/Horn Kombi macht ebenfalls einen optisch sehr guten Eindruck. Alles ist sauber verarbeitet und auch sehr gut verpackt. Die Anfassqualität lässt keine Wünsche offen, erst recht nicht, wenn man den sehr günstigen Preis berücksichtigt.

Lavoce DF10-101L mit HD1004 Frontansicht

 

Lavoce DF10.101L mit HD1004 Rückansicht

 

Aus einem nicht zu Ende geführten früheren Projekt, welches ebenfalls zwei 8 Zöller beherbergen sollte, hatte ich noch Gehäuse, die jedoch ein zu großes Volumen aufwiesen. Auf der Kreissäge wurden sie kurzerhand ihrer Schallwände und ihrer großen Tiefe beraubt. Mit einer neu aufgeleimten Schallwand, neuen Verstrebungen und einem IHA fanden somit zwei alte ungenutzte Gehäuse eine neue Verwendung.

In diesem Gehäuse wurden die 3 Chassis zunächst in unbeschaltetem Zustand gemessen:

Lavoce FBASS08-18 (unten) unbeschaltet

 

Lavoce FBASS08-18 (oben) unbeschaltet

 

Lavoce DF10.101L an HD1004 unbeschaltet

 

Eine 2 1/2-Wege Beschaltung bringt häufig Phasenprobleme mit sich, die sich aber meist mit etwas Mühe und Sorgfalt bei der Beschaltung umschiffen lassen. Nach einiger Simulationsarbeit war eine Beschaltung gefunden, die keinerlei Schweinereien bei der Addition der einzelnen Chassis verursacht.

Alta Voce vollständige Simulation

 

Im nächsten Schritt wurde die Weiche auf dem bewährten Klemmbrett aufgebaut und Messungen des Lautsprechers eingefangen. Dabei wurde bei einem der beim Tiefmitteltöner verwendeten Saugkreise dessen Bandbreite mit dem nächst höheren Kondensatorwert und dem nächst kleineren Spulenwert minimal angepasst, was zu einem noch etwas besseren Ergebnis führte.

Alta Voce Messungen 0° – 90°

 

Die Treiber/Horn Kombi verursacht im Bereich um 3,5 kHz unter größeren Winkeln eine kleine Unregelmäßigkeit, die sich auch durch alternative Beschaltung nicht eliminieren lässt. Man könnte über einen kleinen Saugkreis nachdenken, der das aus dem Weg räumt. Dies geht dann mit einer Senke auf Achse und unter den kleineren Winkeln einher. Da klanglich nichts negativ auffällt, und da auch der Energiefrequenzgang ohne Auffälligkeiten verläuft, habe ich auf diese Maßnahme bewusst verzichtet.

Alta Voce Messung 0° + Impedanzverlauf

Alta Voce Messung 0° + Einzelzweige

 

Wooow, 95dB aus einem recht kompakten Standlautsprecher sind durchaus eine Ansage. Das ist wahrlich ein LAUT-sprecher, und alle Chassis kommen von Lavoce. Was liegt also näher, als das Gerät „Alta Voce“ zu nennen, was im Italienischen „Lautsprecher“ heißt? Noch dazu ein Frequenzgang, der nicht nur für einen Lautsprecher mit Druckkammertreiber respektabel glatt ist. Bei dem Kennschalldruck darf das Gerät durchaus mit einem kleinen Röhrenamp betrieben werden.

Eines der Ziele der Entwicklung war, eine Schalladdition der einzelnen Chassis ohne Phasenfehler zu gewährleisten. Das macht einen Mehreinsatz an Bauteilen erforderlich. Dieser verursacht aber nur einen kleinen Mehrpreis von rund 12-13 Euro pro Seite. Der im Tiefmitteltonzweig mit 15mH, 1,2µF und 47 Ohm gebildete Saugkreis könnte theoretisch entfallen und durch Variation von Bauteilewerten ein nahezu deckungsgleicher Frequenzgang erreicht werden. Allerdings würde das zu Phasenfehlern im Bereich von etwa 2kHz führen. Das wollte ich nicht akzeptieren. So manifestierte sich schlussendlich folgende Schaltung:

Alta Voce Weichenplan

 

Warenkorb PDF

 

Die Schaltung weist keine wirklichen Besonderheiten auf, oder etwa doch? Der reine Tieftöner, der den Bereich unterhalb des Baffle Steps auffüllt, wird mit einem Tiefpass aus 4,7mH und 15µF beschaltet. Die dem Kondensator nachgeschaltete 0,15mH Spule mildert eine Resonanz in der abfallenden Flanke des Tieftöners ab.  Im Regelfall wäre hier ein weiterer Saugkreis erforderlich, der einem Aufbäumen der Amplitude durch eine Wechselwirkung des Filters mit dem zweiten Impedanzhöcker des Tieftöners entgegenwirkt. Im Fall der Alta Voce spielen die Gegebenheiten in der Form positiv in die Karten, dass eine solche Korrektur entfallen kann. Aufschluss gibt folgende Simulation:

Simulation der beschalteten TT und TMT in AJHorn (ohne Schallwandeinfluss)

 

Das als Tieftöner beschaltete untere Chassis weist unterhalb von etwa 85Hz eine fallende Flanke auf, die darüber eine leichte Überhöhung zeigt.  Gemittelt sollte sich mit der linearen Kurve des TMT eine quasi glatte Addition ergeben. Da AJHorn leider keine Schallwandeinflüsse simulieren kann, wurden diese beiden Kurven extrahiert und in Boxsim importiert. Hier konnten die Dimensionen des Gehäuses berücksichtigt werden, und die Addition der beiden Verläufe zeigte folgende Summenkurve:

Summenkurve TT und TMT aus Datenimport von AJHorn Simulation (1,2 vs. 0,4 Ohm Spulenwiderstand)

 

Die Tatsache, dass der kleinere Spulenwiderstand lediglich zu einer minimalen Betonung von weniger als 1dB im Bereich um 150 Hz führt, hat dazu geführt, dass eine solche zum Einsatz kommt, und dass dieser Bereich keiner weiteren Korrektur bedarf.

Das aus einer Fernfeldmessung des gesamten Lautsprechers sowie den Nahfeld- und Portmessungen generierte Merging bestätigt das in Boxsim interpolierte Ergebnis in eindrucksvoller Weise

Merging Fernfeld + Nahfeld TT, TMT und Port

 

Die Merging Frequenz wurde willkürlich auf 200 Hz gelegt. Ein Merging wäre ohne bedeutsame Veränderungen des Ergebnisses zwischen etwa 180 Hz und 350 Hz möglich gewesen. Selbst die leichte und schmalbandige Überhöhung aus der Boxsim Trickserei bei rund 150 Hz bestätigt sich.

Lavoce weist den kleinen DF10.101L als ab 2,5kHz tauglich aus. Alle Versuche, eine Trennfrequenz in diesem Frequenzbereich zu erlangen, schlugen fehl. Entweder spielte die Phasenlage einen Streich, oder die Addition wollte aus anderen Gründen nicht nach Wunsch gelingen. Es lief immer auf die rund 1,6kHz hinaus, die letztlich als Trennfrequenz gewählt wurden. Mein bewährtes Popometer rechnete jedoch nicht mit wirklichen Problemen. Erstens ist die Alta Voce kein Beschallungslautsprecher, sondern in erster Linie für highfidele Wiedergabe konstruiert. Zweitens ist der Treiber durch einen recht steilen Hochpass mit kleinen Kondensatorwerten getrennt. Ein durchaus kräftiger Spannungsteiler sorgt für weitere Reserven. Dennoch sollten bei der Alta Voce ausnahmsweise Klirrmessungen, die ich fast nie mache,  zeigen, dass hier alles in trockenen Tüchern ist.

Alta Voce Klirr @ 90dB

 

Alta Voce Klirr @ 95dB

 

Klirr @ 100dB

 

Klirr @ 105dB

 

Bei 105dB steigt K2 im Arbeitsbereich des HT ein wenig an, bleibt aber immer noch im Bereich von ~0,5%. Im Bereich der Trennfrequenz ist jedenfalls nichts auffällig, und er Treiber tut das, was er soll.

Der Aufbau des Gehäuses birgt keinerlei Besoderheiten. Alle Zuschnitte sind rechtwinklig. Die relevanten Details können dem Bauplan entnommen werden.

Alta Voce Bau- und Bedämpfungsplan (vergrößern -> rechte Maustaste -> Grafik in neuem Tab öffnen)

 

Wie immer ist auch dieser Bauplan nicht maßstabsgetreu. Ich empfehle unbedingt, vor der Fräsung der eigentlichen Öffnungen an den Chassis nachzumessen und die im Bauplan angegebenen Fräsdurchmesser ggfs. entsprechend zu korrigieren.

Die Weichen- und Baupläne sind für private Nutzung freigegeben. Jegliche Form der gewerblichen Nutzung oder Verbreitung ohne vorherige Absprache ist untersagt und wird strafrechtlich verfolgt.

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