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Silent Runner – 3-Wege Kompaktbox mit 10″ Bass

Zuweilen bekommt man Chassis in die Hand, die von der ersten Sekunde an einen gewissen Reiz versprühen. Genau so erging es mir, als Nico Germanos von Quint Audio den Peerless SBS-250F38AL01-04  aus dem Hause Tymphany auf den Tisch legte. „Irgendwie vollkommen unkonventionell“ dachte ich, als ich den 10-Zöller mit seiner dezent matten Alumembran und der inversen Sicke in den Händen hielt. Die Membran, die ohne Dustcap ausgeführt ist, wirkt wie eine große, inverse Kalotte. Das Ganze steckt in einem sehr solide gefertigten und dem bislang beschriebenen nicht minder ungewöhnlichen Korb. Übliche Korbstreben sucht man beim SBS-250 vergebens. Vielmehr handelt es sich um ein schüsselartiges Gebilde, welches rundum mit eng beeinander liegenden Bohrungen versehen ist. Diese Bauart sorgt einerseits für perfekte Belüftung des Antriebs und andererseits für eine hohe Verwindungssteifigkeit des gesamten Chassis.

 

Peerless SBS-250F38AL01-04

Wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten. Der SBS-250F38AL01-04 bringt sogar mehrere dunkle Wolken mit. Da wäre zum einen der sehr moderate Wirkungsgrad, der irgendwo an der 80dB Marke kratzt. Zum anderen ist sein Amplitudenverlauf alles andere als prächtig. Das Teil ist, objektiv betrachtet, nur als Subwoofer nutzbar. Brachiale Vorstellung, ein 10 Zoll Subwoofer mit knapp 80dB Kennschalldruck…

„Was tun“ sprach Zeus, kann man mit dem schönen Ding überhaupt irgendetwas anstellen? Man kann!  In die Seite einer Kompaktbox eingebaut, verhilft er einem 5,25″ Tiefmitteltöner zu einem durchaus imposanten Bassfundament. Simulationen zeigten nämlich, dass der schwere Junge zwar nicht in der Lage ist, die Physik auszuhebeln. Da der SBS-250F38AL01-04 aber eine ordentliche Portion Hubfähigkeit mitbringt und hohe Verstärkerleistungen heutzutage preiswert  zu bekommen sind, kann die Box auf Wunsch auch mal lauter spielen. Welcher Name passt zu einem solchen Lautsprecher eher, als „Silent Runner“?

SBS-250F38AL01-04 in 15 Litern CB vs. GHP

Die Auswirkungen des Baffle-Step kann AJHorn zwar nicht simulieren, aber da das Chassis bereits bei rund 150 Hz aus dem Rennen genommen wird, spielt das in diesem Fall keine Rolle.  Das Datenblatt zeigt eine nach oben sehr schnell abfallende Amplitude, so dass auch diese die Simulation in der Praxis, wie die spätere Messung zeigen wird, kaum beeinflusst.  Durch die Beschaltung des 4-Ohm Tieftöners mit einer großen 4,7mH Induktivität steigt der Schalldruck im Bereich 55 Hz, im Vergleich zur unbeschalteten Simulation, durch Wechselwirkung mit dem nahe gelegenen Impedanzhöcker um ca. 5dB an. Genau an dieser Stelle mischt sich der HP-Kondensator ins Geschehen ein. Er glättet den unschönen Peak, zieht gleichzeitig die Amplitude schön glatt bis unter 40 Hz und stellt einen Kennschalldruck der Box von gut 80 dB in Aussicht.

Messung SBS-250F38AL01-04 im Nahfeld (Chassis auf der Front liefen bei Messung mit)

Für die Bestückung des Tiefmitteltonbereiches gab es verschiedene Aspekte, die es gegeneinander abzuwägen galt. Natürlich sollte das auszuwählende Chassis eine ausgewogene Amplitude aufweisen.  Die durch die Einbautiefe des Seitenbasses vorgegebene Mindestgehäusebreite erlaubt sowohl den Einbau eines 5,25 Zöllers als auch eines 6,5 Zöllers. Für das größere Exemplar spricht bei erster Betrachtung ganz klar die Belastbarkeit. Der kleinere 5,25 Zöller hingegen verspricht im Zusammenspiel mit einem Hochtöner das bessere Rundstrahlverhalten. Die Tatsache, dass der Tiefmitteltöner unterhalb von rund 150 Hz die Arbeit an den Tieftöner abgibt, ließ die Entscheidung zugunsten des kleineren 5,25 Zöllers ausfallen. Aus dem reichhaltigen Peerless Portfolio wurde der HDS-P830991 auserkoren. Neben der gewünschten Linearität bringt das Chassis auch den größten linearen Hub der Peerless 5,25 Zöller mit.

Peerless HDS-P830991

Im Hinblick auf ein möglichst gleichmäßiges Abstrahlverhalten wird der Tiefmitteltöner in oben gezeigter Einbauposition in die Schallwand eingelassen. Die akustischen Zentren von Tiefmittel- und Hochtöner rücken auf diese Weise so nah wie möglich zusammen, was die Voraussetzungen für ein gutes ebenfalls Abstrahlverhalten begünstigt.

Obwohl Peerless eine breite Palette an sehr guten Hochtönern zur Auswahl stellt, fiel die Auswahl bei der Silent Runner auf ein Produkt einer anderen, wenn auch verwandten Marke. Der H2606/920000 aus dem Hause Scan-Speak wird ebenfalls von Quint-Audio vertrieben, so dass interessierte Nachbauer die Chassis ohne erhöhten Portoaufwand in einer einzigen Bestellung ordern können.

Scan Speak H2606/920000

Die 25mm Kalotte des preiswerten, aber feinen Dänen arbeitet auf einen kurzen Waveguide, der das Bündelungsverhalten des Hochtöners an das des Tiefmitteltöners angleicht. Seitliche Gehäusefasen, die das Chassis flankieren werden, begünstigen auch in seinem Bereich eine saubere Abstrahlung.

Zunächst die bereits in Xover eingefügten Messungen der unbeschalteten Chassis:

SBS-250F38AL01-04 unbeschaltet

Die Messung des SBS-250F38AL01-04 zeigt, dass er einer der Kandidaten ist, die sich nur für sehr tiefe Trennungen im Mehrwegebetrieb, oder aber als reine Subwoofer eignen. In vorliegenden Fall des Seiteneinbaus, der eine tiefe Trennung zwingend voraussetzt, macht der zu hohen Frequenzen hin stark fallende Amplitudenverlauf teure Bauteile unnötig.

HDS-P830991 unbeschaltet (Nahfeldmessung bei 400 Hz angefügt)

Der HDS-P830991 glänzt in seinem Einsatzbereich ebenfalls mit einem quasi idealen Amplitudenverlauf ohne nennenswerte Auffälligkeiten. Da eine recht tiefe Übernahmefrequenz von unter 2 kHz angestrebt wird, fallen die Resonanzartefakte oberhalb von 5 kHz bei sorgfältiger Besachaltung nicht mehr ins Gewicht.

H2606/920000 unbeschaltet

Der Hochtöner zeigt sich ebenfalls von seiner besten Seite. Eine akustische Trennung bei ca. 1,8 kHz sollte sich problemlos realisieren lassen.  Da er ein recht lautes Kerlchen ist, wird er an den Schalldruck seiner Kollegen angepasst, was für zusätzliche Pegelreserven bei der tiefen Trennung sorgen wird.

Während der Simulationsarbeit stellte sich heraus, dass die Beschaltung des Tiefmitteltöners nicht ganz so trivial ausfallen sollte, wie ich es mir erwünscht hatte. Bei der Anzahl der Weichenbauteile wollte ich dennoch keinen Verzicht auszuüben, denn in Anbetracht der ohnehin nicht ganz preiswerten Chassis und des angestrebten sauberen Abstrahlverhaltens, dürfte dies eine sinnvolle Entscheidung sein. Das Simulationsergebnis kann sich jedenfalls sehen lassen. Die Darstellung umfasst, wie immer, die sehr aussagekräftige 50 dB Range und weist in diesem Fall eine Skalierung von 2 dB pro Linie auf.

 Silent Runner Xover Simulation auf Achse mit Einzelzweigen

Nun galt es, die Weiche zu stecken um in Messungen die Simulation der Silent Runner zu verifizieren, selbstverständlich auch unter Winkeln und auch hier in der bewährten 50 dB Range, ohne Smoothing.

Silent Runner Messung 0° – 90°

Die Silent Runner zeigt erwartungsgemäß ein sehr sauberes Abstrahlverhalten. Die Software ARTA ermöglicht es, aus den einzelnen Kurven ein „Power Average“ zu ermitteln, welches den Energiefrequenzgang des Lautsprechers darstellt.

Silent Runner „Power Average“ (Energiefrequenzgang) von 0° – 90°

Das Energieverhalten der Silent Runner lässt keinerlei Raum für Kritik, wie auch das folgende auf 0° normierte Sonogramm eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Silent Runner Sonogramm

Bedingt durch die Tatsache, dass es sich beim SBS250F38AL01-04 um ein sehr niederohmiges 4 Ohm Exemplar mit einem Re von etwa 2 Ohm handelt, sinkt die Impedanz im Tieftonbereich unter die 4 Ohm Marke. Jeder „ordentliche“ Verstärker sollte damit spielend klar kommen. Natürlich sollte man darauf achten, dass der jeweilig zfür den Einsatz vorgesehene  Verstärker hinreichend laststabil ist.

Silent Runner Impedanzverlauf

Die hohe Qualität der Peerless bzw. Scan-Speak Chassis spiegelt sich auch im Klirrverhalten der Silent Runner wider.

Silent Runner Klirr @ 85 dB

Silent Runner Klirr @ 90 dB

Die Weichenschaltung der Silent Runner ist nicht mehr ganz trivial. Jedoch ist sie dem Preis des Projekts absolut angemessen.

Silent Runner Weichenschaltung

 

Inzwischen ist eine Zeit vergangen, und an manchen Stellen haben sich wirklichkeitsfremde Flatulenzen hinsichtlich des Abstrahlverhaltens der Silent Runner breit gemacht. Einen wirklich guten und durchdachten Lautsprecher können aber 1000 miese Worte nicht schlecht reden.

Hier ist er nun, der Bauplan:

Bau- und Bedämpfungsplan „Silent Runner“

 

Detail Verstrebungen

Ich wünsche viel Spaß beim Nachbau… 🙂

Die Baupläne sind für private Nutzung freigegeben. Jegliche Form der gewerblichen Nutzung oder Verbreitung ohne vorherige Absprache ist untersagt und wird strafrechtlich verfolgt.

 

User Vangart urteilt am 24.05.2018 im HiFi Forum

Frei jeglicher Erwartungshaltung und ganz unbefangen ließen wir die Silent Runner ihre Arbeit verrichten. Bereits bei den ersten Tönen fiel mir die überraschend gute Auflösung des Scan-Speak-Hochtöners auf. Auch der Rest des Klangspektrums – darunter die natürliche Stimmwiedergabe – wusste auf Anhieb zu gefallen. Mein Arbeitskollege empfand das sogar folgendermaßen. Er gab während des Hörens nicht einen Mucks von sich und starrte wie unter Hypnose in Richtung der Schallquellen. Und plötzlich brach es aus ihm heraus: „Leute, ich weiß nicht, wie es euch ergeht, aber ich bin total geflasht von den Dingern!“ Es stellte sich heraus, dass die Silent Runner genau dem entsprach, was er von seinem Ideal eines Lautsprechers erwartete. Und so stand – bevor die LYC überhaupt ihre Chance erhielt – bereits nach kurzer Zeit fest, dass sich diese Konstruktion künftig in seinem Wohnzimmer wiederfinden würde. Selbst die von Alex eingebrachte Info, dass die Subwoofer-Treiber nicht mehr offiziell erhältlich seien, konnte ihn nicht von seinem Vorhaben abbringen. Die Frage nach dem P/L-Verhältnis sollte sich damit erübrigt haben.

 

 

 

 

 

 

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