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Älg

Älg Titelbild bearbeitet

 

Schon lange ist es kein Geheimnis mehr, dass sich manches Utensil vom schwedischen Möbelriesen für ganz andere als die vorgesehenen Einsatzzwecke gebrauchen lässt. Verfolgt man die vielen Ikea-Hack Seiten im Internet, könnte man zu der Annahme gelangen, das Tunen und Umfunktionieren der Schwedenartikel mutierte zu einer Art Volkssport.

Beim letzten Besuch des Möbelschweden war es dann soweit. Auch ich wurde fündig und schleppte zwei kleine Bambuskistchen, die auf den Namen VARIERA hören, mit nach Hause. Ich entschied mich für das kleinere des in zwei Größen angebotenen Behältnisses. Mit seinen gut 3,5 Litern Volumen sollten sich daraus prima Desktop-Lautsprecher für den Büroschreibtisch zaubern lassen.

 

Variera

 

Die kleinen Kästchen sind aus ca. 6mm starkem Bambus gefertigt. Lediglich die wenige Millimeter dünne Rückwand bedarf einer besonderen Verstärkung. Eine irgendwie geartete Frontplatte komplettiert die kleine Box. Der Tragegriff kann gekürzt durchaus als Versteifung zwischen Front- und Rückwand dienen. Durch das als Pyramidenstumpf ausgeführte Kästchen ist die Schallwand automatisch in Richtung des Zuhörers geneigt. Was will man mehr…?

Die Anforderungen an einen Dektop-Lautsprecher sind ein wenig speziell. Einerseits sollte der Bassbereich, der durch die Tischplatte eine Verstärkung erfährt, nicht zu dominant sein und unterhalb von 100 Hz konstant abfallen. Andererseits ist eine Wiedergabe tiefer Frequenzen bis in die 60 Hz Region wünschenswert. Leider sind nicht viele Chassis am Markt verfügbar, die beide Kriterien erfüllen.  Zunächst hatte ich Versuche mit dem Monacor SPH-100C, einem 4-Zöller mit stabilem Gußkorb, steifer Carbonmembran, starkem Antrieb und quasi perfekten TSP, unternommen. Leider stellte sich heraus, dass der kleine Kraftprotz unterhalb von 2000 Hz eine unschöne Störstelle im Frequenzgang aufweist, die ihn für den Einsatz in einer Kombination mit einem Kalotten-Hochtöner disqualifiziert. In einem kleinen F.A.S.T. mit niedriger Trennfrequenz ist er aber ein interessanter Spielpartner.

Eher zufällig fand ich in meinem „Chassis-Vorratsraum“ einen kleinen Vierzöller, den ich vor einigen Monaten geschenkt bekam, und der in der Vergangenheit in einigen Tests und Anwendungen der DIY-Gazetten einen guten Eindruck hinterlassen konnte. Die Rede ist vom Mission CP-104.

 

Mission CP-104

 

Wenngleich seine TSP nicht ganz an die Traumwerte des SPH-100C heran kommen, versprechen auch seine inneren Werte ein klangvolles Ergebnis. Zudem weist der kleine Brite einen deutlich höheren Wirkungsgrad auf, was bei der vorgesehenen kleinen Verstärkerleistung ein weiterer Vorteil ist.

 

TSP

Fs: 56

Qms: 3,5

Qes: 0,44

Qts: 0,39

Re: 3,5

Le: 0,24

Mms: 5,8

Cms: 1,4

Rms: 0,58

B/L: 4,0

Vas: 6,9

Sd: 59

Spl: 86,3

 

Ein kurzer Blick auf den TSP Satz verrät, dass der CP-104 in einem 8-10 Liter kleinen BR-Gehäuse zu Höchstleistungen aufläuft und locker bis in die 50 Hz Region spielt. Leider bietet das Variera Gehäuse nur rund ein Drittel des dafür notwendigen Volumens. Die in dieser Konfiguration sehr lineare Spielweise wäre für den Schreibtisch aber ohnehin oversized. In einer GHP- Anwendung hingegen spielt der kleine Brite in den 3,5 Litern des Variera, wie gewünscht, mit konstant abfallender Flanke bis nahezu 60 Hz. Volltreffer!

 

CP-104 in 3,5 Litern GHP

 

Der Abfall zu tiefen Frequenzen ist für Desktopanwendung ggfs. noch etwas zu sanft. Durch den ab ca. 150 Hz allmählich einsetzenden Baffle Step kann der Bezugspegel des Chassis aber problemlos auf das richtige Maß abgestimmt werden. Die nachfolgende Grafik zeigt die obige Simulation mit und ohne Gehäuseeinfluss.

Summensimu CP-104

 

Einen passenden Hochtonpartner fand ich im Tymphany BC25SC06-04, der einerseits mit einem Straßenpreis um 20,- Euro sehr gut zum CP-104 passt und andererseits mit den glänzenden Messwerten überzeugt, die man von Tymphany Stoff im allgemeinen kennt.

 

Vifa BC25SC06-04

 

Mit einem Außendurchmesser von nur 70 Millimetern stimmt auch das optische Größenverhältnis zwischen TMT und HT. Die 25 Millimeter Kalotte sitzt in einem kleinen Waveguide, welches den abgestrahlten Schall des Hochtöners bündelt und somit an das Bündelungsverhalten des TMT annähert. Gerade bei der Aufstellung links und rechts neben dem Monitor und der daraus resultierenden kurzen Hördistanz, sollte dies ein nicht zu unterschätzender Vorteil sein. Der durch das Waveguide erhöhte Wirkungsgrad des BC25SC06-04 wird mittels eines stattlichen Spannungsteilers im wahrsten Sinne des Wortes verbraten. Der Hochtöner wird also nur leichte Arbeit verrichten müssen, was seiner Belastbarkeit wohlwollend in die Karten spielt.

Zunächst wurden die beiden Chassis unbeschaltet im vorgesehenen Gehäuse gemessen.

 

Mission CP-104 Fernfeld

 

Das kleine Chassis misst sich sehr ordentlich bis weit in den Mitteltonbereich. Lediglich bei ca. 6 kHz gibt es eine heftige Resonanzspitze, der bei der Beschaltung besonderes Augenmerk gilt.

Vifa BC25SC06-04 Fernfeld

 

Auch der Hochtöner misst sich ohne Fehl und Tadel. Einer akustischen Trennung im Bereich um 2 kHz sollte nichts im Wege stehen.

Im nächsten Schritt wurden die Einzelfrequenzgänge in Boxsim importiert, und die Simulation einer Frequenzweiche konnte beginnen. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.

Endgültige Version vs. zus. Korrektur

 

Die gestrichelte Linie zeigt eine Modifikationsmöglichkeit, welche zusätzliche 3 Bauteile erfordert und zu einem etwas ausgeglicheneren Frequenzgang führt. Da die Elche aber bei mir im Nahfeld als PC-Lautsprecher genutzt werden, erachte ich die kleine Senke im Bereich 7 kHz als Vorteil. Gerade in diesem Bereich liegt oftmals das Problem zischelnder Lautsprecher. Im Weichenplan sind die 3 zusätzlichen Bauteile rot markiert.

Die Frequenzgangmessung auf Achse zeigt die quasi perfekte Übereinstimmung mit der Simulation.

Frequenzgang Mission end Achse

 

Natürlich weitet sich der Frequenzgang einer solchen Kombination unter Winkeln unweigerlich etwas auf. Aber auch das hält sich in Grenzen. Bei 15° ist noch alles perfekt. Erst ab 30° wird eine leichte Unregelmäßigkeit sichtbar. Da das Ohr beim Bestimmungszweck der Lautsprecher aber vorwiegend mit Direktschall verwöhnt wird, ist akustisch alles im Lot.

 

Frequenzgang Mission end 0° - 30°

 

Auf das Fügen von Nah und Fernfeld verzichte ich an dieser Stelle. Stattdessen zeige ich das Verhalten im Nahfeld in den Topologien CB, GHP mit 300µF sowie GHP mit 560µF

Nahfeld CB

 

Nahfeld 300µF

 

Nahfeld 560µF

 

Das unterschiedliche Verhalten der Bassabstimmungen ist deutlich sichtbar. Ich habe mich für die Ausführung mit dem 300µF GHP Kondensator entschieden, da sie auf meinem Schreibtisch am ausgewogensten klingt. Das mag aber bei anderer Aufstellungssituation mit einem anderen Kondensatorwert besser passen.

Auch der Impedanzverlauf ist unkritisch. (Messung erfolgte vor endgültiger Bedämpfung)

 

Impedanzverlauf Mission end

 

Zu guter Letzt noch der Weichenplan.

 

Weiche Mission end

 

Hier gibt es keine Besonderheiten. Der impedanzlinearisierte Tiefmitteltöner wird mit einem Filter 3. Ordnung aus dem Rennen genommen. Dabei eliminiert die 0,06mH Spule die Resonanzspitze bei 6 kHz restlos. Der Hochtöner wird mit einem klassischen Filter 2. Ordnung getrennt. Der Wert des GHP-Kondensators ist variabel zu sehen.

 

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Eine Gehäusezeichnung erübrigt sich, da als quasi Fertiggehäuse die kleine Variante des Ikea Sortierbehältnisses „Variera“ zum Einsatz kommt.

 

Die Variera Gehäuse haben folgende Maße:

Außenmaß vorn (Schallwand) ist 168mm x 240mm
Außenmaß hinten ist 143mm x 210mm
Tiefe außen 141mm
Tiefe innen 135mm
Wandstärke ist 6mm, lediglich die Rückwand ist etwas dünner.

 

Natürlich muss dieses dünnwandige Gehäuse eine entsprechende Versteifung erhalten. Ein Kollege aus dem D.A.U. hatte, da er ein ähnliches Projekt mit dem gleichen Gehäuse verfolgt, eine sehr gute Idee. Es wurde eine dreiteilige Verstrebungsmatrix aus 8mm starkem Multiplex so ausgesägt, dass zu den Innenwänden des Variera rundum etwa 3-4mm Luft bleibt. Nachdem man den späteren Sitz der Matrix im Gehäuse angezeichnet hat, bedeckt man die angezeichneten Stellen großzügig mit dauerelastischem Montagekleber. Dann setzt man die Matrix so ein, dass sie keinen Kontakt zu den Gehäusewänden einschliesslich der Frontwand hat. Das Ergebnis ist ein akustisch sehr stark beruhigtes Gehäuse.

Verstrebung

 

Die Frontplatte besteht aus 16mm starkem MDF, welches auf die umlaufenden Gehäusewände des versteiften Gehäuses geleimt wird. Ganz wichtig ist, die Stirnseiten des Gehäuses vor dem Verleimen anzuschleifen, da diese lackiert sind, und somit eine haltbare Verleimung nicht möglich ist. Ferner sind die Verzapfungen nicht luftdicht. Eine dicke Heißklebewurst wirkt an diesen Stellen Wunder. Die beiden Bohrungen in der Rückwand waren für den mitgelieferten Tragegriff vorgesehen und können nach einer Aufweitung den Anschlussbuchsen als Platz dienen.

Die Chassisausschnitte sitzen für den TMT 8,5cm und für den HT auf 18,5cm von der Gehäuseunterkante aus gesehen, jeweils mittig. Für den Hochtöner wird eine Fräsung mit 70mm Durchmesser und 2,8mm Tiefe angefertigt. Die Öffnung für den Magneten habe ich mittels einer 44mm Lochsäge angefertigt. Der TMT muss nicht eingefräst werden. Hier reicht eine 98mm durchmessende Öffnung. Es empfiehlt sich, die Öffnung für den TMT nach innen anzufasen.

Bedämpft wurden die Wände rundum mit Fibsorb 50, was vollkommen ausreichend ist, um stehende Wellen wirksam auszublenden.

 

 

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